Türchen 10: Erfahrungsbericht

[English version]

Inhaltswarnung!
In diesem Bericht werden explizite Erfahrungen sexueller Gewalt und Vergewaltigung thematisiert. Bitte lies dir den Text nicht durch, wenn die Gefahr besteht, dass dich diese Inhalte triggern oder zu stark belasten. Falls du dir die folgenden Sätze doch durchlesen möchtest, sorg doch bitte dafür, dass du danach jemanden zum Reden hast. <3

Vergewaltigung.

An was denkst du bei diesem Wort? Vermutlich an einen Mann als Täter. Vermutlich auch an einen fremden Mann, der einer Frau nachts, im Dunkeln, auf dem Nachhauseweg auflauert. Sie ins Gebüsch zerrt, gegen ihren Willen Sex mit ihr hat. Sie vielleicht auch vorher unter Drogen setzt. Vermutlich löst das Wort Entsetzen bei dir aus, Abwehr, Unglauben. So etwas passiert nicht in deinem Umfeld. „Das sind andere Männer, die so etwas machen, aber doch nicht die, mit denen ich mich umgebe“. „Die kenne ich doch, die würden so etwas nicht machen“.

Oder vielleicht doch?

Wusstest du, dass der Großteil der sexuellen Gewalt in der Partnerschaft, in der Ehe, im engsten Umfeld passiert? Wer von euch hat bei der ersten Frage an eine Partnerschaft gedacht? An den Mann, dessen „Recht“ es ist, mit seiner Partnerin zu schlafen. Weil es ja schließlich zur Beziehung dazu gehört. Du denkst, so etwas kann doch keine Vergewaltigung sein? Tatsächlich ist mir genau das passiert. Ich war Opfer von sexueller Gewalt, und der Täter war niemand anderes als mein damaliger Freund.

Ich war 4 Jahre lang in einer Partnerschaft, die auf eine so subtile, unterschwellige Art so gewaltvoll war, dass ich lange gar nicht verstanden habe, was mir eigentlich passiert. Ich habe mir konsequent selbst die Schuld gegeben an dem, was da abläuft, denn so war mein Bild von Beziehungen zu Männern geprägt. Er verzerrte meine Wahrnehmung von Sex und Lust so sehr, dass ich dachte, ich wäre einfach „anders“. Dass ich keinen Sex wollte, war falsch, war etwas, wofür ich mich geschämt habe. Schließlich war es doch, laut ihm, eigentlich meine Pflicht. Und bei all seinen Freunden war es auch ganz normal, dass man mindestens 1 mal am Tag, wenn nicht sogar zweimal, miteinander schläft. Also war es ja total berechtigt, dass er solche Erwartungen an mich hat. „Du bist meine Freundin, du solltest Sex mit mir haben wollen. Liebst du mich etwa gar nicht? Findest du mich nicht attraktiv?“ Wenn ich nicht wollte, stellte er unsere Beziehung in Frage, warf er mir vor, dass ich nichts in die Beziehung investieren würde. Stück für Stück baute er meinen Selbstwert ab, indem er mir vorhielt, was ich alles falsch machte, dass all das, worauf ich stolz war, was mich ausmachte, eigentlich doch überhaupt nichts Besonderes ist. Aber immer auf eine Art und Weise, die die Schuld für das alles wieder auf mich zurückwarf. Gleichzeitig stellte er sich immer wieder auf die Stufe, auf die er seiner Meinung nach gehörte, erzählte mir von den vielen Frauen, die ihn so toll finden, sagte mir, ich solle ihm häufiger sagen, wie gut er aussehe. Gab mir zu verstehen, welch ein Glück ich hatte, ihn als meinen Freund zu haben. Was er für mich tat war seiner Meinung nach alles andere als selbstverständlich, bespielsweise holte
er mich immer die 10 Minuten Fußweg am Bahnhof ab, wenn ich 1,5 Stunden Zug zu ihm gefahren bin, und er betonte dabei stets, welche Umstände ihm das macht. Aber das macht er natürlich für mich, weil er schließlich so ein aufopferungsvoller Freund ist. So bekam ich für ganz selbstverständliche Dinge ein schlechtes Gewissen, fühlte mich schlecht, wenn es mal um mich ging statt um ihn. Und für all das, was er in diese Beziehung reinsteckte, wollte er doch nur regelmäßigen Sex – das kann doch wohl nicht zu viel verlangt sein. Und so tat ich es am Ende eben doch, immer wieder, obwohl ich nicht wollte, mich nicht wohl fühlte. Jedes Mal dachte ich, es ist gleich vorbei, ich muss es aushalten, dann ist alles gut, dann ist er zufrieden. Jeden Abend legte ich mich mit Angst zu ihm ins Bett, denn ich wusste ja, was gleich passieren würde. Aber ich hatte keine Wahl. Wenn ich mich nicht „gefügt“ habe, habe ich zusätzlich psychische Gewalt erfahren. Liebensentzug, verbale Gewalt, Abwertungen. Schuld, Wut, Enttäuschung waren die hauptsächlichen Emotionen, die er mir entgegengebracht hat. Meine vorherrschenden Emotionen waren Scham und Ekel. Ich ekelte mich vor mir und meinem Körper. Ich entwickelte eine Essstörung, um all dem zu entfliehen. Aber ich war gefangen in dieser toxischen Beziehung, die für ihn einzig und allein dazu da war, seine sexuelle Lust zu befriedigen. Macht auszuüben. Seinen Selbstwert aufzuwerten und ein Gefühl von Überlegenheit zu bekommen. Ich empfand nie Lust. Für mich war Sex verbunden mit Schmerzen, mit Ekel, mit Zwang. Regelmäßig spürte ich gar nichts mehr, war völlig abwesend dabei. Manchmal weinte ich, während wir miteinander schliefen. Das passte ihm natürlich überhaupt nicht, weshalb er mir regelmäßig erklärte, ich solle doch mehr mitmachen, er habe das Gefühl mich zu vergewaltigen.

Ich entwickelte Zwänge, mich zu waschen. Ich versuchte die Kontrolle, die mir durch die sexuelle Gewalt genommen wurde, im Umgang mit dem Essen zurückzugewinnen. Ich aß immer weniger, wog jedes Gramm, das ich zu mir nahm, genau ab. Nur dadurch erlebte ich noch so etwas wie Selbstbestimmung. Diese nahm er mir überall in meinem Leben. Er bestimmte, was ich anzuziehen habe, wie ich auszusehen habe, wie ich mich zu verhalten habe. Jedes abweichende Verhalten wurde bestraft. Und ein Nein? Das gab es nicht. Das hatte es nicht zu geben. Konkret bedeutet das, wenn ich gesagt hatte, dass ich heute Abend nicht mit ihm schlafen möchte, dass er aufgestanden und gefahren ist. Dass er sich rumgedreht und kein Wort mehr mit mir gesprochen hat. Oder dass er mir erklärt hat, dass das für ihn zu einer Beziehung dazu gehört, und wenn ich es ihm nicht geben könne, müsse er sich das dann wohl bei einer anderen Frau holen. Bei ihm wiederum gab es kein Falsch. Ich hatte mich nach ihm zu richten. Wenn jemand
Fehler machte, war ich das. Wenn ein Nein akzeptiert wurde, war das sein eigenes.

Das klingt alles ziemlich hart, und vermutlich denkst du jetzt, dass das doch ein Einzelfall, ein Extremfall sein muss. Aber ich verspreche dir, das ist es nicht. Das sind Erfahrungen, die ich leider mit so vielen Frauen teile.
Vermutlich denkst du als heterosexueller cis-Mann jetzt auch, dass du so doch nie sein würdest. Dass du deiner Partnerin ja deutlich machen würdest, dass sie Nein sagen darf, dass sie genauso viel zu bestimmen hat. Aber frag dich doch mal, wie oft du mit ihr darüber sprichst? Ob sie bei dir wirklich das Gefühl hat, ohne Weiteres sagen zu dürfen, wenn ihr etwas nicht passt. Ob sie äußern darf, was sie sich wünscht, wie sie sich fühlt. Was du besser machen solltest.

Oder wie oft du auch einer fremden Frau ungewollt Blicke zugeworfen, Sprüche aufgedrückt oder sogar Körperteile angefasst hast, ohne ihr ausdrückliches Einverständis einzuholen. Denn auch das ist mir passiert.
Vorweg, bevor du dich jetzt fragst: Nein, es ist kein Zufall, und immer noch kein Einzelfall, dass eine Frau mehrfach sexuelle Gewalt erfährt. Spätestens jetzt solltest du merken, dass die Frau eben nicht Schuld ist, dass sie eben nichts dagegen machen kann, dass sie zum Opfer gemacht wird.

Geprägt von diesem Bild von Sexualität und Männlichkeit ging ich aus dieser furchtbaren Beziehung, um erstmal nichts mehr von Männern wissen zu wollen. Auch an diesem Abend wollte ich nichts von einem Mann wissen. Ich war feiern, mit ausschließlich weiblich gelesenen Personen. Ich hatte einen tollen Abend, trank Alkohol, hatte Spaß. Dann sprach mich dieser Mann an, ein Bekannter einer meiner Freundinnen (! Das zu dem Thema, dass man „solche Männer“ ja bestimmt selbst nicht kennt). Ich sprach mit ihm und – ja – flirtete auch mit ihm. Er gab mir einen Drink nach dem anderen aus, ich fing an mich unwohl zu fühlen. Jedoch hatte ich meine Freundinnen verloren, war alleine mit ihm und ausschließlich Männern, die ich nicht kannte – Footballspieler, angemerkt. Ich äußerte, dass ich gehen wollte, und er meinte, er komme mit. Ich sagte, ich möchte nachhause. Er sagte, er würde mich nach Hause bringen. Ich war betrunken und stieg mit ihm ins Taxi. Doch ich kam nicht bei mir zuhause an, sondern bei ihm. Als ich das realisierte, hatte ich einfach nur noch Angst. Ich wusste nicht, wer er ist, ich hatte Angst, etwas zu sagen. Was, wenn er aggressiv wird? Ich konnte an nichts mehr denken, außer
daran, dass ich sofort verschwinden möchte. Er sagte ab diesem Zeitpunkt nichts mehr. Er ging mit mir in seine Wohnung, ich sagte noch einmal, dass ich müde sei und schlafen wolle, dass mir übel ist, weil ich zu viel getrunken hatte. Er fing an mich auszuziehen, mich zu küssen. Ich erstarrte. Ich konnte nichts mehr sagen. Ich machte mit, so viel wie nötig war, damit nicht noch
schlimmeres passiert. Zu dem Zeitpunkt hatte ich Angst, was noch mehr passieren könne, wenn ich Nein sagen würde. Ich ging raus aus meinem Körper, dissoziierte. Alles fühlte sich unwirklich an, denn das war alles viel zu viel, um zu verstehen, was gerade passiert. Alles in mir schrie, dass ich das nicht will, dass ich aus dieser Situation fliehen will, aber es ging nicht. Ich hatte Angst. Das einzige, was mir blieb, um diese Situation psychisch irgendwie zu überleben, war sie vorbei gehen zu lassen, es zu ertragen. Als er fertig war, legte er sich in sein Bett und schlief ein. Ich lag auf der Matratze auf dem Boden, auf dem diese für mich nicht zu verstehende Gewalttat passiert
ist. Ich weinte. Und irgendwann schlief ich auch ein. Doch es war immer noch nicht vorbei. Als ich aufwachte, war er bereits wieder in mir. Ich wurde davon geweckt, dass er hinter mir war, mich penetrierte. Erst als es schon fast vorbei war, war ich überhaupt wach und in der Lage, zu verstehen, dass sich das alles gerade wiederholte.

Als ich zuhause war, machte ich die Rolläden runter, legte mich ins Bett und versuchte zu verstehen. Doch das konnte ich nicht. Denn sowas kann man nicht verstehen. Man kann nicht verstehen, wieso ein Mensch so etwas macht. Das Schlimme ist, dass ich nach 24 Stunden zu
dem Ergebnis kam, dass ich Schuld sein muss. Anders machte es in meinem Kopf keinen Sinn. Heute verstehe ich, dass ich zu diesem Schluss kam, um die Hilflosigkeit und die Ohnmacht abzuwehren, die ich dabei erlebt habe. Indem ich mir selbst die Schuld gab, nahm ich mir auch ein Stück weit die Kontrolle über die Situation wieder zurück. Das ist natürlich falsch, denn ich war nicht Schuld. Zu keinem Zeitpunkt. Ja, obwohl ich mit ihm geflirtet habe. Ja, obwohl ich nie wirklich Nein gesagt habe. Obwohl ich mit ihm ins Taxi gestiegen bin. Obwohl ich mich nicht körperlich gewehrt habe. Ich habe nie explizit Ja gesagt.
Doch nur durch die eigene Schuldzuweisung konnte ich überleben. Und so ging ich am nächsten Tag wieder in die Uni, traf meine Freund*innen, lebte mein Leben weiter, als wäre nichts gewesen. Ich redete mit niemandem darüber, beschloss, dass das nicht passiert ist. Dass es bedeutungsloser Sex war, den ich auch wollte.
Jedoch entwickelte ich Symptome. Heute bin ich in Behandlung wegen einer Posttraumatischen Belastungsstörung, Depressionen und immernoch aufgrund einer Essstörung. Ich kämpfe noch immer mit Alpträumen, Dissoziationen, Flashbacks. Alles nur, weil er Sex wollte. Und das Schlimmste für mich: Vermutlich, wenn nicht sogar ziemlich sicher, ist ihm zu 0% bewusst, was er da gemacht hat. Was das für Auswirkungen auf mich hat. Und vermutlich war ich auch nicht die einzige, der er so etwas angetan hat.

Ich möchte mit diesem Bericht kein Mitleid, kein Entsetzen auslösen, aber ich möchte allen Frauen und Betroffenen da draußen eine Stimme geben und erzählen, was mir widerfahren ist – was die Realität viel zu vieler anderer Frauen darstellt. Was nämlich klar ist, und zwar in beiden Fällen: Die Täter wissen nicht mal, was sie da gemacht haben. Ja, ich gebe zu, ich bin an Männer
geraten, die beide sehr unreflektiert und offenbar auch bereit zu Gewalt waren und ich weiß, dass ich nicht davon ausgehen kann, dass jeder Mann zu so etwas bereit ist. Aber wir müssen verstehen, dass das jeder Frau passieren und von jedem Mann ausgehen kann, auch von jenen, bei denen du es nicht erwarten würdest, die du kennst und mit denen du unter Umständen sogar
befreundet bist. Meine Täter waren beide sehr beliebt, hatten viele Freunde, Familie. Einer war Förderschullehrer. Also bevor du das nächste Mal einer Frau unterstellst, sie würde übertreiben, weil du es dir „einfach nicht vorstellen kannst, dass so jemand so etwas tun würde“, denk an meine Geschichte.
Im Gegensatz zu physischer Gewalt laufen sexuelle (und auch psychische!) Gewalt häufig nämlich viel unterschwelliger ab, sodass das Umfeld und, wie auch in meinem Fall, die Opfer selbst oft gar nicht merken, wie gewaltvoll eigentlich mit ihnen umgegangen wird.

Deshalb ist es so so wichtig, dass du als Mann dich immer wieder fragst, was dein Verhalten bei ihr auslöst. Denn wenn sie es als gewaltvoll wahrnimmt, war es gewaltvoll. Egal ob du es so gemeint hast oder nicht. Egal ob es in deinen Augen „doch gar nicht so schlimm“ war.
Deshalb lest euch Berichte wie diesen durch, reflektiert euch, hört zu. Und steht hinter den Betroffenen sexueller Gewalt, denn ich kann euch garantieren, dass jeder hier in diesem Channel mindestens eine Person kennt, die ähnliche Erfahrungen gemacht hat. Versteht, dass das zum Leben so vieler Frauen dazu gehört. Versteht, welches Verhalten ihr abbauen müsst, wie ihr weniger sexistisches Verhalten reproduzieren könnt, redet mit euren männlichen Freunden, eurer Familie, euren Kommilitonen darüber, macht sie auf sexistisches und gewaltvolles Verhalten aufmerksam. Und vor allem: Glaubt Betroffenen. Sobald ihr anfangt, sie und ihre Geschichten in Frage zu stellen, stärkt ihr automatisch Täter. Und sorgt auch dafür, dass die Person, die sich euch gerade anvertraut, vielleicht doch zweifelt, ob nicht sie die Schuldige ist, und Angst hat, gegen ihren Täter vorzugehen. Und am Schlimmsten: Dass sie weiterhin schweigt. Nur wenn wir darüber sprechen, können wir etwas verändern.

Anmerkung: Dieser Text ist von einer weißen, heterosexuellen Frau geschrieben. Ich habe mich bewusst an heterosexuelle cis-Männer gerichtet, da dies meine Erfahrungen widerspiegelt. Deshalb habe ich auch kaum gegendert.

Bei diesem Türchen bitten wir keine Kritik per Mail zu senden, da es sich um ein Erfahrungsbericht einer Person aus dem Orga-Team dieses Channels handelt!!

Kategorien: Reihe3