Türchen 20: Warum „du bist anders als andere Frauen“ ein problematisches Kompliment ist

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In diesem Türchen geht es um “Misogynie”. Darunter versteht man die strukturelle und individuelle Abwertung von Frauen, die in unterschiedlicher Intensität auftreten kann. Von „Frauen sind zu sensibel“ bis zu Femiziden ist Misogynie durch eine Abwertung des „Weiblichen“ gegenüber dem „Männlichen“ gekennzeichnet.
Kate Manne, eine Sozialphilosophin, beschreibt sie als „Exekutive des Patriarchats“ (siehe weiterführende Materialien). Misogynie ist also die Gesamtheit aller Verhaltensweisen und Aussagen, die unseren internalisierten Sexismus nach außen trägt.
Da dieser Begriff sehr vielschichtig ist, befassen wir uns heute damit, welche Menschen Misogynie (re-)produzieren und legen dabei einen besonderen Fokus auf das Dating.
Lasst mich eines vorweg nehmen: Dieses Thema betrifft uns alle. Wir alle, ob cis oder trans, ob queer, schwul oder hetero, ob Frau oder Mann, verhalten uns sexistisch. Der Grund dafür ist, dass wir den in der Gesellschaft tief verwurzelten Frauenhass verinnerlicht haben – man spricht auch von „internalisierter Misogynie“.
Aber was heißt das konkret und wie sieht das aus?
Ein Beispiel dafür, wo man mit Misogynie in Kontakt kommt, sind Medien aller Art. Bei mir war es wohl die „Bravo” und andere „Mädchenzeitschriften“. Diese veröffentlichten nicht nur zahllose Artikel darüber, wie man den cis Mann des eigenen Begehrens sexuell befriedigt, sondern auch einige Artikel rund ums Thema „Abnehmen“. Sie hatten Titel wie „So bekommst du noch rechtzeitig deine Bikinifigur“ oder „Das musst du ein mal am Tag machen, um einen flachen Bauch zu bekommen!“. Im Einklang mit diesen Botschaften, gab es auch noch Beiträge zu Menschen, die regelrecht dafür fertig gemacht wurden, nicht dem Ideal einer sehr schlanken, aber doch kurvenreichen, makellosen Frau zu entsprechen. Es waren auch Überschriften wie „[Name irgendeiner weiblich gelesenen Schauspielerin] und der Strand Fauxpas: sie hat ordentlich zugenommen“, die mich jahrelang meinen Körper haben hassen lassen.
Befeuert wurde dieser Selbsthass aber auch vor allem durch die internalisierte Misogynie unter mir und meinen Mitschülerinnen. Wir waren es selbst, die uns gegenseitig aufs kleinste Detail prüften und uns gnadenlos sagten, was an unseren Körpern nicht dem Ideal entsprach. Wir haben Dinge gesagt wie „Lena hat sich aber nicht die Beine rasiert, wie eklig ist das denn?“ und Rankings erstellt, wer den vermeintlich „schönsten“ Körper hat. Meine Oma sagte mal zu mir, da war ich etwa zwölf, dass ich ja mal etwas abnehmen müsse, ich hätte einen Rettungsring. Die Mutter meiner besten Freundin lobte mich bis in den Himmel, als ich in der Zeit danach auf Süßigkeiten verzichtete, um mich „gesünder zu ernähren“.
Ich habe also viele Jahre lang sehr viel Energie aufgewendet, meinen Körper ändern zu wollen. Aber es war nicht nur der Körper. Auch meine Interessen und Gefühle wurden kommentiert, abgewertet und belächelt. Ich habe viele Jahre lang Ballett getanzt und einer der Gründe, warum ich damit aufgehört habe, waren auch die stichelndem Bemerkungen meiner Schwestern, das sei zu „mädchenhaft“.
Wann immer ich sagte, dass mich etwas verletzte, so auch die Kommentare zu meinen Interessen, wurde mir gesagt, ich sei „zu sensibel“. Ja, ich war ein sehr sensibles Kind. Ich habe oft geweint und mir vieles zu Herzen genommen. Und irgendwann habe ich tatsächlich geglaubt, Sensibilität und Empathie seien schlechte und schwache Eigenschaften.
Aus Rebellion, so dachte ich, habe ich mich von dem, was an mir „zu mädchenhaft“ war, abgewendet. Ich habe aufgehört Ballett zu tanzen und angefangen, Schlagzeug zu spielen. Und weil ich nicht immer als „Sensibelchen“ aufgezogen werden wollte, habe ich es mir zur Aufgabe gemacht, meine Rekorde im „für eine lange Zeit nicht weinen“ immer wieder zu überbieten.

Mittlerweile versuche ich mich selbst zwischen gesellschaftlichen Anforderungen und der Rebellion gegen „Weiblichkeit“ wieder zu finden. Das ist ziemlich schwierig, denn alles, was als weiblich konnotiert ist, wird grundsätzlich weniger Wert zugesprochen, als dem, was als männlich erachtet wird. Das bezieht sich auf Eigenschaften, wie Sensibilität, Aktivitäten, wie Ballett tanzen oder Reiten, und gegenständliches, wie die Farbe Rosa oder bestimmte Kleidungsstücke.
In Filmen werden Personen, die viele vermeintlich „weibliche“ Eigenschaften besitzen, oft zu Gegenspielerinnen der Protagonistin gemacht. Die „Tussi“ mag nicht nur gerne Makeup und rosa Kleidung, sondern sie ist auch zickig, oberflächlich und abgesehen davon charakterlos. Die Protagonistin hingegen ist anders. Sie liest Bücher, trägt schlichtere Klamotten und überzeugt mit ihren Fähigkeiten.
Und zwischen diesen zwei Polen – dem (abgewertetem) weiblichen und dem „anders als die anderen Mädchen sein“ – müssen wir Frauen uns finden. Uns wird beigebracht, dass wir weiblich sein müssen, aber bloß nicht zu weiblich. Wir sollen uns schön machen, uns schminken, aber auch unbedingt natürlich aussehen. Wir sollen dünn sein, aber bitte auch Kurven haben. Wir sollen uns um andere kümmern, aber nicht zu sehr, denn dann klammern wir und sind zu sensibel.
Wir sollen alles gleichzeitig sein und sind immer zu viel von irgendwas. Und sich zwischen all dem selbst zu finden, das ist verdammt schwer. Ich frage mich beim Schlagzeugspielen, ob ich das nur mache, weil es nicht „weiblich“ ist, weil es mich „anders als die anderen“ macht. Und ich frage mich beim Nähen, ob ich das nur mache, um gegen die internalisierte Misogynie zu kämpfen, die mich Schlagzeug spielen lässt. Es ist ein Teufelskreis und ich kann es nicht richtig machen.
Und als wäre all das nicht genug, als würden wir Frauen uns nicht genug selbst und gegenseitig verurteilen, kommst dann auch noch du.
Du, der mir sagt, ich sei anders als die anderen Frauen. Vielleicht sagst du es mir genau so, vielleicht swipe ich aber auch nichtsahnend durch Tinder und lese es in irgendeiner Form.
„Frauen die keinen nackten Oberkörper in Tinder sehen können, sind warscheinlich die Art an Frauen die in Tinder ihre Liebe des Lebens suchen, aber hot pants tragen weil sie sie süß finden.“
„Ich habe kein Interesse an Verklemmten Frauen, die nicht wissen, was sie wollen.“
„NO-GO!: Raucherinnen o.ä. (ja, dazu gehört auch Shisha), Piercings jeglicher Art, (…) Make-up wie ein Clown, Fingernägel so lang wie die Deutsche Bahn Verspätung hat. (…) Damit wären dann ca. 99,999% der Frauen hier raus aus der Miss-Wahl. Wenn DU zu den 0,001% gehörst melde dich.“
Was hinter dieser Aussage steckt, ist zum einen, dass du als Mann einer Frau sagst, wie du sie gerne hättest. Es mag auf den ersten Blick wie ein Kompliment wirken, aber eigentlich schreiben Männer Frauen so auf eine subtile Art vor, wie sie für ihn zu sein haben. Auch in anderen Komplimenten legen sich diese Anforderungen nieder. Wenn du mir sagst, dass dir meine Haare, als sie noch lang waren, besser gefallen haben, dann sagst du damit indirekt, dass ich sie für deine visuelle Befriedigung lieber wieder länger tragen sollte.
Deshalb sag deine Meinung nicht ungefragt und hinterfrage, warum du ein Kompliment gibst und ob dein Gegenüber es auch so positiv aufnehmen wird, wie es gemeint ist.
Zum anderen wertest du mit dieser Aussage alle anderen Frauen aufgrund von dem, wie sie sind und wie sie sozialisiert wurden, nicht gefallen. Damit wertest du alle Frauen ab und steckst sie zudem in einen Topf. Denn es gibt sie nicht , „all die anderen Frauen“. Wir sind laut und leise, groß und klein, dick und dünn, schwach und stark. Alles davon sollte wertfrei sein, denn es gibt nicht „die Weiblichkeit“, sondern lediglich (willkürlich gewählte) gesellschaftliche Weiblichkeitsanforderungen.

Was du auch mit dieser Aussage förderst, ist die Misogynie unter Frauen. Du bewirkst, dass wir „anders als die anderen Frauen“ sein wollen. Und so werten Frauen Frauen ab und reden sich ein, sie würden sich einfach nicht mit anderen Frauen verstehen.
Und da schließt sich der Kreis der Misogynie. Wir alle reproduzieren sie, in dem was wir tun und in dem, was wir sagen. Wir alle halten das Patriarchat aufrecht, indem wir 50% der Weltbevölkerung abwerten, weil wir so sehr internalisiert haben, dass alles „weibliche“ schlechter ist, als der „männliche Gegensatz“.

Die zitierten Tinderbios stammen aus eigener Recherche oder wurden gefunden bei @misogynistsoftinder auf Instagram.

Anmerkung: Wenn in diesem Text von Frauen und Männern geredet wird, meinen wir die stereotypen gesellschaftlichen Rollen, die alle weiblich bzw. männlich gelesenen Personen betreffen.

❓ Reflexionsfragen:

  • Welche Sätze, Komplimente oder Fragen fallen dir ein, die unterschwellig misogyn sind?
  • Welche hast du selbst mal gesagt?
  • Welche misogynen Anforderungen stellst du beim Daten an weiblich gelesene Menschen (oder auch dich selbst)?
  • Wo begegnen dir in deinem Alltag misogyne Botschaften?

ℹ️ Weiterführendes Material:

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