Türchen 22: Erfahrungsberichte zu Konsens

[English]

Inahaltswarnung: sexualisierte Gewalt, Vergewaltigung

Zum Thema Konsens möchten wir hier mit 2 weiteren Erfahrungsberichten anschließen.

Bericht 1:

Als ich grade 14 geworden war haben wir Silvester mit ein paar guten Freund*innen gefeiert. Weil wir es irgendwie gemütlich fanden haben wir nach einem wunderbaren Abend zu viert in einem 1,40m Bett geschlafen. Auf der Seite liegend, du hinter mir, sind wir alle glücklich von dem wunderbaren Start ins neue Jahr eingeschlafen.
Irgendwann bin ich aufgewacht. Deine Hand hat in meiner Unterhose meine Vulva erkundet. Deine Finger haben ihren Weg in meine Scheide gefunden. Ich war völlig perplex, hab überhaupt nicht verstanden was da gerade passiert. Ich hab mich nicht getraut was zu sagen, hab mich total geschämt und einfach abgewartet. Ein bisschen hab ich mich geräkelt, so getan als würde ich halb aufwachen und als du nicht aufgehört hast, hab ich mich wieder schlafend gestellt und gewartet bist du aufgehört hast. Ich hab dich nie zur Rede gestellt, ich hab mich einfach geschämt und die Erinnerung jahrelang vergraben. Wir waren einfach weiter befreundet.

Ich war 14, betrunken auf einer Geburtstagsparty. Ich kannte dich vorher nicht, aber fand dich an dem Abend irgendwie ganz nett. Wir haben in irgendeinem Park rumgemacht, alles gut bis hierher. Du wolltest mehr als küssen. Du hast dich auf mich gelegt, irgendwas von Trockensex geredet. “Nagut, kann man ja mal probieren” dachte ich mir. Irgendwann hast du dir dann deine Hose ausgezogen und mir deinen Penis in den Mund gesteckt. Obwohl ich einfach nur überfordert mit der Situation war, gar nicht mitgemacht habe, fandest du es total geil. Vielleicht sogar deswegen?
Ich glaube mittlerweile, dass ich zu diesem Zeitpunkt schon verinnerlicht hatte, dass meine sexuellen Wünsche, Bedürfnisse und Grenzen denen der Männer untergeordnet waren und in solchen Situationen einfach nicht zählten.

Mit einem guten Schulfreund habe ich mich öfter getroffen, um rumzumachen, uns zu küssen und zu kuscheln. Du wolltest dabei immer Sex mit mir haben. Ich war damals einfach unsicher, habe mich zu sehr für meinen Körper geschämt, hatte zu viel Angst vor meinen Freundinnen, die mich runter machen würden, wenn ich mit dir Sex haben würde ohne Beziehung und so. Natürlich hab ich über all diese Sachen nicht mit dir geredet. Jedes mal wenn wir uns geküsst haben und du wieder weiter gehen wolltest hab ich “Nein” gesagt. Du hast dann auch nicht weiter gemacht. Aber du hast mich immer wieder gefragt “Warum denn nicht?”. Ich habe mich dann immer selber gefragt “Warum denn nicht?”, habe mich für meine eigenen Unsicherheiten geschämt, fand deine Frage berechtigt. Mittlerweile weiß ich, dass deine Frage niemals berechtigt war. Mein “Nein” war immer genug, dein “Warum denn nicht?” war nie okay. Es war auch nie ein einfaches Nachfragen. Es war dein Versuch, mich zu überreden, mir meine Grenzen auszureden.
Ein wenig später – ein betrunkener Silvesterabend – hab ich wieder bei dir übernachtet. Wie sonst auch wolltest du Sex haben. Irgendwo wollte ich es auch, hatte mir fest vorgenommen meine Unsicherheiten zu überwinden. Als wir dann im Bett lagen, hab ich doch wieder Nein gesagt. Ich wollte es einfach nicht, hab mich bei dir nicht sicher gefühlt und war auch einfach zu betrunken. Du hast trotzdem weiter gemacht, mich ausgezogen, meine Betrunkenheit hat mich davon abgehalten, nochmal Nein zu sagen. Ich war innerlich total zwiegespalten. Ich wollte und wollte nicht. Meine Gedanken haben sich mit meiner betrunkenen Wahrnehmung im Kreis gedreht und nebenbei hatte ich dann echt beschissenen Sex mit dir.

Es gab viele andere Momente, in denen ich beispielsweise Hände weggeschoben habe, die mich irgendwo berührt haben, wo ich es nicht wollte. Momente in denen ich einfach geküsst wurde, ohne es zu wollen. All diese Erfahrungen haben mir das Prinzip von Konsens ausgeredet.
Mittlerweile hab ich zum Glück auch einige gute Erfahrungen gemacht. Männer, die nachgefragt haben, ob sie mich küssen, ob sie mich anfassen dürfen. Fragen, was mir gefällt.
Diese Fragen sind nicht nur die unabdingbare Grundlage von Konsens, sie helfen mir auch, meine sexuelle Selbstbestimmung wiederzufinden.

Bericht 2:

Ich hatte mit 17 meinen ersten festen Freund. Ich hatte das Gefühl, mit dieser Beziehung vor dir und anderen Leuten auch endlich ein “cooles Mädchen” sein zu können. Deshalb habe ich immer versucht dir zu gefallen und bei allem mitgemacht, was du angestoßen hattest. Als ich das erste mal mit dir geschlafen habe, war ich total betrunken, aber du hattest scheinbar Lust drauf und ich wollte es dann halt einfach hinter mich bringen. Es ging mir nie gut dabei, ich hatte meistens Schmerzen und keinen Spaß und oft war es in für mich total unpassenden Situationen. Ich hätte jederzeit Nein sagen können und du hättest – wenn auch nicht ohne mir ein schlechtes Gewissen zu machen – aufgehört, das glaube ich jedenfalls, aber ich wollte schließlich unbedingt eine gute Freundin für dich sein. Über Sex geredet haben wir beide fast nie, erst recht nicht tagsüber. Meistens war es abends ein stilles Einverständnis, ohne Licht und ohne Worte. Hättest du mich gefragt, ob ich mit dir schlafen will, dann hätte ich wahrscheinlich Ja gesagt, obwohl mein Kopf immer Nein gesagt hat. Ich frage mich bis heute, ob das Konsens war. Ich schaffe ich es nicht mal in meinem Kopf, dir vorzuwerfen, dass du irgendwas gegen den Konsens gemacht hättest, weil ich ja nie Nein gesagt habe. Im Gegenteil, ich werfe eher mir vor, dass ich keinen Spaß dabei hatte, wodurch du vielleicht das Gefühl hattest, nicht gut genug zu sein.

Vielleicht hätte es geholfen, wenn wir mal wirklich ehrlich in einer ruhigen Situation darüber gesprochen hätten was ich möchte, ohne die Gefahr dich zu enttäuschen, weil du eigentlich jetzt mit mir schlafen willst. Aber dann hätte ich für mich zu dem Punkt kommen müssen, dass ich eigentlich überhaupt nicht mit dir schlafen will. Weder so noch anders, weder jetzt noch irgendwann. Und das hätte ich mir niemals eingestanden. Denn in meinem Kopf bin ich als Freundin nur was wert, wenn ich allen sexuellen Erwartungen meines Freundes gerecht werde. Denn in meinem Kopf geht es bei Sex im Grunde nur um dich. Das ist in meinem Kopf eingebrannt und ich weiß nicht, ob sich das jemals ändern kann.

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Nachdem du diese Texte gelesen hast, möchten wir noch einmal auf die Reflexionsfragen vom letzten Türchen hinweisen. Wir bitten außerdem darum, explizit zu diesen Erfahrungsberichten keine inhaltliche Kritik zu schicken.

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