Türchen 9: Pornographie

[English Version]

Inhaltswarnung: Sexuelle Gewalt, Pornographie, Rassismus

Die Debatte darum, dass “normale” Pornos nicht viel mit realer Sexualität zu tun haben, hat wahrscheinlich schon jede:r hier im Kanal mitbekommen. Deutlich weniger präsent sind jedoch die unzähligen anderen Probleme dieser dominierenden Art der Pornographie. Es geht um die Verwendung der Inhalte, ohne Einverständnis der Darsteller:innen, die prekären Bedingungen unter denen diese Inhalte produziert werden, die Ausbeutung von FLINTA*, die Fetischisierung von BI_PoC, trans Personen, die Dominanz von cis Männern in der gesamten Produktion der Filme, die Grenzüberschreitungen während dem Sex und viel, viel mehr.

Wie vieles davon zusammenhängt, beschreibt Mohamed Amjahid im Buch “Der weiße Fleck” in einem Kapitel über “Refugee Porn”:

“User:innen tippen seit 2015 auf Seiten wie PornHub, xHamster und RedTube die Begriffe “Flüchtling” oder “Refugee” in die Suchleiste ein und stoßen danach auf Videos, in denen geflüchtete Frauen oder Pornodarsteller:innen, die Flüchtlinge spielen, erniedrigt werden. Unter anderem sind dabei Frauen zu sehen, die Muslimas aus dem Nahen Osten oder Nordafrika sind, beziehungsweise darstellen.”²

Wie oft die genannten Begriffe gesucht werden, hängt dabei stark mit politischen Ereignissen wie der Entscheidung, dass geflüchtete Menschen im August 2015 aus Ungarn nach Deutschland einreisen durften, zusammen.

Jakob Pastötter, Professor für Sexualwissenschaften und Kulturanthropologie, versucht das Phänomen zu beschreiben: Rassistisch-sexualisierte Gewaltfantasien werden im Alltag durch Medien, den öffentlichen Diskurs etc. erlernt. Die Idee von Weißer Überlegenheit und Unterwerfung von Nichtweißen prägt das sexuelle Verlangen vieler weißer Männer. Weiterhin zieht er den Schluss, dass so die politischen Sehnsüchte vieler (cis) Männer widergespiegelt werden. Jakob Pastötter stellt klar, dass es hierbei “nicht um Sex geht, sondern um die nicht einvernehmliche Ausbeutung von Körpern of Color durch weiße Männer.”²

Weil Männer für einen Großteil des Pornokonsums verantwortlich sind, gehen einige Sexualforscher*innen davon aus, dass Grundmotive stereotypischer Männlichkeit auf die pornographischen Präferenzen projiziert werden: Gewaltphantasien, Unverletzbarkeit, Überlegenheit und die Suche nach Anerkennung.

Diese Analyse zu “Refugee Porn” zeigen viele Problemstellungen der heutigen Pornoindustrie auf. Auch in dieser Industrie profitieren hauptsächlich weiße Männer finanziell und gesellschaftlich.

Feministische Pornos sind eine Gegenbewegung dazu. Sie versuchen nicht nur Sex realistischer darzustellen, andere Perspektiven einzunehmen und queeren Fantasien Raum zu geben, sondern sie brechen damit auch die cis männliche Dominanz der Produktion. Außerdem sorgen sie für eine faire Bezahlung und Konsens.

“Pornos sollen erregen und inspirieren. Aber natürlich müssen sie aufgrund ihrer Omnipräsenz und Zugänglichkeit durch das Internet auch erziehen. Sie sind in Zeiten der Digitalisierung zwangsläufig ein großer Teil der Sexualerziehung insbesondere von Kindern und Jugendlichen und zwar eins, das von der Gesellschaft tabuisiert wird.”¹

Eine sehr wichtiger Aspekt hierbei: Wer feministische Pornos sehen will, muss auch Geld dafür ausgeben. In den Inhalten steckt sehr viel Arbeit und Zeit und nur so können faire Bedingungen sichergestellt werden. Das Buch “Der weiße Fleck” oder ein Abo für feministische Pornos ist auch ein gutes Weihnachtsgeschenk.

➡️ Weitere Empfehlungen (von FLINTA*s aus der Gruppe):

❓ Reflexionsfragen an cis Männer:

  • Hinterfragst du die Produktionsweisen der Pornos, die du schaust?
  • Wenn du Pornos schaust, fragst du dich, in welcher Position und wie die Lust der Frau dargestellt wird oder allgemein wie Menschen repräsentiert werden?
  • Redest du mit deinen Kumpels über die Ausbeutung in der Pornoindustrie und was man dagegen tun kann?
  • Wie oft hast du schon aktiv danach gesucht, was besser laufen kann?
  • Welche Gefühle löst es in dir aus, Pornos zu schauen, in denen Menschen erniedrigt, rassifiziert oder Gewalt ausgesetzt werden?

Schickt euer Feedback weiterhin gerne an kritischer_adventskalender@riseup.net

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